Einleitung

Die Geschwindigkeit des Fußballspiels hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Immer häufiger entscheidet der Gewinn eines schnellen Sprints über den Ballbesitz. Der eigentliche Ballkontakt dagegen konzentriert sich auf wenige Sekunden pro Spiel 1. Neben den Eigenschaften zum eigentlichen Ballspiel muss der Fußballschuh daher zahlreiche andere Charakteristiken aufweisen, um den geänderten Anforderungen des Spiels gerecht zu werden. Die Laufstrecke pro Spiel beträgt je nach Spielerposition ca. 10-12 km, wobei in den entscheidenden Spielsituationen immer mehr kurze schnelle Sprints über 20-30m und schnelle Richtungswechsel dominieren 23. Neben einer guten Bodenhaftung kommt daher dem Gewicht des Fußballschuhs eine immer größere Bedeutung zu.
Weitere Aspekte sind die unterschiedlichen Anforderungen der Bodenbeläge wie Gras, Kunstrasen oder der Hallenboden. Diese machen grundsätzlich unterschiedliche Sohlenkonstruktionen erforderlich. Ein guter Fußballschuh sollte den Spieler bei der Performance optimal unterstützen und gleichzeitig Schutz vor Verletzungen bieten 4.

Flexibilität und Haftung, Stollengeometrie

Die Form und Position der Stollen soll auf dem Spielfeld eine möglichst hohe Standfestigkeit und Griffigkeit sicherstellen. Gerade die schnellen Spielzüge erfordern eine hohe Traktion in alle Richtungen. Die Entwicklung der letzten Jahre ging aufgrund verschiedener biomechanischer Untersuchungen weg von den runden Stollen (meist sechs bis acht Stück), hin zu länglich gestalteten Stollen, die quer und längs auf der Sohle positioniert wurden (Abb. 1 und 2). Im Randbereich der Sohlen bieten diese länglichen Stollen mehr Widerstandsfläche was die Rutschfestigkeit bei seitlichen Bewegungen erhöht. Nachteilig bei den länglich gestalteten Stollen ist die im Vergleich zu den runden Stollen ungünstigere Druckeinleitung in den Schuh 5.

Basierend auf Vorteilen der runden Stollen, die bei den Spielern eine hohe Akzeptanz besitzen und eine gleichmäßige Stollendruckverteilung ermöglichen und den Vorteilen der länglichen Stollen, wurde eine neue Generation von Stollen entwickelt, die die jeweiligen Vorteile vereinen sowie zusätzlich noch bessere Beschleunigungseigenschaften bieten. Die seitlichen flachen Stollenwände wurden beibehalten, in Richtung der Sohle wurden große Radien eingezogen, um ähnlich der runden Stollen eine gleichmäßigere Druckverteilung zu bieten. Zudem wurde die Größe und Ausrichtung entsprechend der positionsbezogenen Funktion angepasst (Abb. 3).

Hallenfußballschuh mit unterschiedlichen Gummizonen in der Sohle (Foto: mit freundlicher Genehmigung der adidas AG)
Abbildung 4

Die wissenschaftliche Diskussion, in weit die immer radikaler werdenden Richtungswechsel, welche die neuen Stollen ermöglichen, mit einer erhöhten Rate an Kreuzband­verletzungen assoziiert sind, ist noch nicht abgeschlossen. Während einige Autoren einen Zusammenhang für wahrscheinlich halten, werden statistische Zusammenhänge von anderen Arbeitsgruppen verneint 67889101112.

Für den Hallenfußballschuh hat sich die Kombination aus verschiedenen Gummimischungen bewährt, die abrieb- und gleichzeitig rutschfest sind (Abb. 4). Allerdings sind Hallenschuhe bisher aber kaum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen.

Stabilität

Neben dem Foulspiel führen radikale Richtungswechsel zu einer erheblichen Belastung der biologischen Strukturen. Im Training wird diesen Anforderungen an Koordination und Kraft konsequent Rechnung getragen. Der Fußballschuh sollte aber ebenfalls so viel Schutz und Stabilität wie möglich bieten. Bei modernen Fußballschuhen setzt sich die Gesamtstabilität zusammen aus den stabilisierenden Effekten von Außensohle, den stabilisierenden Elementen im Mittelfußbereich sowie den stabilisierenden Elementen im Obermaterial bzw. Schaft. Die Integration von stabilisierenden Elementen in den Schaft ermöglichten synthetische Obermaterialien. Diese Materialien können mit der Sohle so stabil verbunden werden, dass der gesamte Fußballschuh als mechanische Einheit betrachtet werden kann. Ein völlig neues Konstruktionsprinzip verglichen mit den klassischen Lederschuhen, bei welchen die Stabilität fast ausschließlich durch die Sohle bestimmt wurde.
Vor allem am Mittelfuß wird ein Zusammenhang zwischen Schuh und Verletzung diskutiert. Mittelfußdistorsionen, insbesondere Lisfanc Ligament Verletzungen, die um 2005 gehäuft auftraten wurden fast ausschließlich bei im Mittelfuß extrem flexiblen Schuhen beobachtet 1314 (Abb. 5). Die meisten Hersteller versuchen derzeit eine hohe Flexibilität in Höhe der Zehengrundgelenke umzusetzen, während unter dem Mittelfuß die Sohle vor Distorsionen schützen sollte (Abb. 6).

Obermaterial

Über Jahrzehnte wurde Leder als ausschließliches Obermaterial von Fußballschuhen verwendet. Synthetische Materialien haben Leder zu einem großen Teil verdrängt. Gerade von den jüngeren Spielern werden synthetische Schaft-Materialien gehäuft getragen (Walther, 2006). Synthetischen Materialien besitzen neben dem geringen Gewicht eine ganze Reihe von weiteren Vorteilen:

  • Höhere Passformstabilität als Leder über einen sehr langen Zeitraum, unabhängig von den Witterungsbedingungen.
  • Hohe Haltbarkeit und geringer Abrieb.
  • Widerstand gegen Feuchtigkeit und damit keine Gewichtszunahme, auch bei extremer Nässe.
  • Pflegeleicht ohne Schuhcreme – ein trockenes oder feuchtes Tuch reicht aus um den Schuh zu reinigen.
  • Das Material ist einlagig für bessere Ballkontrolle (weniger Schichten zwischen Fuß und Ball)
  • Synthetische Materialien ermöglichen eine mechanisch effektive Verbindung zwischen Obermaterial und Außensohle. Dies führt dazu, dass der gesamte Schuh als mechanische Einheit betrachtet werden kann und die Stabilität nicht mehr ausschließlich durch die Sohle bestimmt wird. Stabilisierende Elemente können nun auch im Obermaterial platziert werden (z.B. stabilisierende Bänder für zusätzlichen Halt und Stabilität bei seitlichen Bewegungen).
  • Viele der modernen Design-Elemente die für die jungen Spieler einen hohen Symbolwert besitzen (z.B. der Schuh von Lionel Messi) lassen sich nur mit synthetischen Schaft-Materialien realisieren (Abb. 7).
Abbildung 7

Der ursprünglich für die Weltmeisterschaft 2010 entwickelte F50 adizero™ ist mit nur 165 Gramm der derzeit leichteste Fußballschuh auf dem Markt. Moderne Designelemente lassen sich mit synthetischen Materialen gut umsetzen, wie hier am Beispiel eines Produktes aus der laufenden Saison gezeigt (Foto: mit freundlicher Genehmigung der adidas AG).

Schwerpunkt des Fußballschuhs

Vor einigen Jahren war die Einlage von Gewichten in die Zwischensohle zur Veränderung des Schwerpunkts populär. Durch die Positionierung eines zusätzlichen Gewichts (ca. 40 g) in der Einlegesohle unter dem Mittelfuß, wurde der Schwerpunkt des Schuhs unter den Schusspunkt am Fuß verschoben. Die Hersteller postulierten eine um bis zu 5% höhere Schusskraft. Die Realität hat aber gezeigt, dass der Nachteil des höheren Gewichts entscheidender ist, als der Vorteil der geringfügig höheren Schusskraft. Verliert ein Spieler den Sprint im Kampf um Ball ist die Frage nach der Schusskraft nicht mehr relevant. Zwischenzeitlich sind die Gewichte wieder verschwunden und durch Sohlenkonstruktionen ersetzt worden, die bei leichterem Gewicht die Anforderungen an Stabilität unter dem Mittelfuß und hoher Flexibilität beim Sprinten ermöglichen. Eine hohe Steifigkeit für einen kraftvollen Schuss ist dennoch vorhanden (Abb.8).

Abbildung 8

Neuartige Konstruktionen in der Außensohle reduzieren das Schuhgewicht insgesamt ohne jedoch die wichtige Stabilisierung des Mittelfußes zu vernachlässigen. (Foto: mit freundlicher Genehmigung der adidas AG)

Ausblick und weitere Entwicklung

Die Konstrukteure moderner Fußballschuhe versuchen den Spagat zwischen einem möglichst niedrigen Gewicht, optimaler Bodenhaftung und Vorfußflexibilität bei gleichzeitiger Stabilisierung des Mittelfußes umzusetzen. Ein neuer Meilenstein in dieser Richtung ist beispielsweise der adidas™ F50 adizero, der von vielen Weltklassespielern wie z.B. Leo Messi, David Villa, Sami Nasri, Lukas Podolski, Karim Benzema, Arjen Robben, Eljero Elia, Ashley Young, Jermain Defoe und Diego Forlan verwendet wird. Trotz des sehr niedrigen Gewichts von 165 Gramm (Gr. UK 8.5) sind Stabilität und Traktionswerte wesentlich schwereren Schuhmodellen gleichwertig. Nike™ hat das seit einigen Jahren erhältliche Topmodell Nike™ Total90 Laser III bzw. Nike™ Mercurial Vapor V weiter überarbeitet und liegt aktuell bei einem Gewicht von 230 Gramm. Puma™ arbeitet ebenfalls an sehr leichten Schuhen.

Tipps zum Kauf eines Fußballschuhs

  1. Überlegen Sie sich, für welchen Einsatzbereich Sie den Schuh brauchen.
  2. Testen Sie möglichst viele unterschiedliche Schuhe, um den Schuh mit der für Sie optimalen Passform herauszufinden.
  3. Achten Sie besonders auf die Passform im Bereich der Ferse. Ein guter Kontakt zwischen Fersenkappe und Ferse ist der Schlüssel zur Stabilität im Schuh.
  4. Tasten Sie den Schuh aus, um Verarbeitungsfehler oder Nähte zu entdecken, die zu Passformproblemen oder Druckstellen führen können.
  5. Probieren Sie die Schuhe mit den Socken, die Sie auch zum Fußballspielen verwenden.
  6. Die Stabilität des Schuhs kann einfach getestet werden, in dem der Schuh schräg gegen den Untergrund gedrückt wird. Der Schuh sollte im Bereich der Großzehengrundgelenke abknicken und nicht unter dem Mittelfuß.
Datum der Veröffentlichung: 06.10.2012

Weitere Literatur

  • Walther M, Zdrazil U, Stabler A: Mittelfuß-Distorsionen im Sport. Fuß Sprunggelenk 2006;4:166-173.
  • Walther M: Anforderungen an den Kindersport- und Fußballschuh. Orthopädieschuhtechnik 2006;6:36-43.
  • Walther M: Fussballschuh 2010 - Eine Übersicht im Hinblick auf die Weltmeisterschaft in Südafrika. Deut Z Sportmed 2010;61:134-140.
Loading…
Loading the web debug toolbar…
Attempt #