Vorbemerkungen
Korrekturosteotomien in Kombination mit Weichteillockerung des MTP I –Gelenkes stellen heute das gängige Verfahren zur Korrektur von Hallux valgus Deformitäten dar. Durch dieses gelenkerhaltende Vorgehen können die Nachteile der Resektionsarthroplastik 12 weitgehend umgangen werden. Die Indikation zum gelenkerhaltenden Eingriff ist heute wesentlich weiter gefasst und ermöglicht nicht nur funktionell, sondern auch kosmetisch wesentlich verbesserte Operationsergebnisse (Myerson MS 2000).
Je nach Ausprägung der Hallux valgus Deformität wird die Höhe der Osteotomie distal, diaphysär oder proximal gewählt 3.
Bei hochgradiger Hallux valgus Deformität, Arthrose des TMT I- Gelenkes oder hypermobilem 1. Strahl kann zur Korrektur der Deformität auch eine Arthrodese des TMT I- Gelenkes mit Weichteillockerung des MTP I- Gelenkes indiziert sein 45.
Besonders bei proximalen Osteotomien , aber auch bei TMT I- Arthrodesen haben sich heute winkelstabile Implantate zur Osteosynthese durchgesetzt 6.
Das in diesem Artikel beschriebene Osteotomie- und Osteosyntheseverfahren eignet sich speziell zur Korrektur fortgeschrittener Hallux valgus Deformitäten. Auf Grund der Osteotomie Technik ermöglicht dieses Verfahren eine mehrdimensionale Korrektur.
Hierbei kann sowohl eine Rotation, Plantarisierung oder Dorsalisierung, Verlängerung als auch Verkürzung des 1. Strahles erzielt werden (Thomas M. 2009).
Operationsprinzip und –ziel
Über einen medialen Hautschnitt wird das MTP I bis zum TMT I- Gelenk dargestellt. Nach Eröffnen der Gelenkkapsel des Großzehengrundgelenkes erfolgt das Weichteil- „Release“ des MTP I. Mit Hilfe einer proximalen Osteotomie des MT I wird die mechanische Belastungsachse des 1. Strahles korrigiert und hierdurch gelenkerhaltend die Hallux valgus Deformität korrigiert und ein belastungsfähiger erster Strahl wiederhergestellt 7. Die frühe Belastbarkeit wird durch die Osteosynthese mit einem winkelstabilen Implantat erzielt 8910.
Durch die Kombination aus knöchernen und weichteiligen Massnahmen unter Gelenkerhalt ist eine dauerhafte Korrektur der Fehlstellung unter Erhaltung der Gelenkfunktionen möglich. Dies ist ein erheblicher Vorteil gegenüber den herkömmlichen Techniken einer solitären Exostosenabtragung nach Schede 111213, einer Resektionsarthroplastik 12 oder sogar Gelenkversteifung 1415. Das Restrisiko für ein Rezidiv der Deformität ist durch die beschriebene Operationstechnik nur noch gering 16 (Thomas M. 2009).
Bei regelrechtem Verlauf der Operation ist mit einer vollen Belastbarkeit des operierten Fußes nach Ablauf der 6. postoperativen Woche und mit einer vollständigen Abschwellung der Weichteile nach Ablauf des 3.-4. postoperativen Monats zu rechnen.
Vorteile
- Über den medio-dorsalen Zugangsweg sehr gute Übersicht
- Blutgefäße und Nerven sind sehr gut darstellbar und können geschont werden
- „Laterales Release“ des MTP I-Gelenkes transartikulär oder über 2- Schnitt-Technik möglich
- Kontrollierte Osteotomie unter Sicht
- Korrektur in allen Ebenen auf Grund der Schnittebene der Osteotomie
- Zusätzliche subcapitale Osteotomie problemlos möglich
- Auf Grund der winkelstabilen Implantate ist eine sofortige Teilbelastung möglich 8
- Das Risiko zur sekundären Entwicklung eines Metatarsus elevatus ist gegenüber der Basisosteotomie ohne winkelstabiles Implantat wesentlich verringert 17818.
Nachteile
- Großflächige Weichteilpräparation
- Blutleere zur besseren Übersicht empfehlenswert
- Winkelstabile Platte kann auftragen
- Auf Grund der multiplanaren Korrekturmöglichkeit besteht das Risiko zur Überkorrektur
- Fluoroskopie oder Bildwandler Kontrolle angeraten
- Bei Weichteilirritation durch die Platte ist eine Metallentfernung nach vollständiger Ausheilung indiziert
Indikationen
- Fortgeschrittene Hallux valgus Deformität, Hallux valgus Rezidiv, osteoporotischer Knochen, multiplanare Deformität, erforderliche Früh- Belastbarkeit, hypermobiler 1. Strahl
Kontraindikationen
- Fortgeschrittene AVK
- Fehlende Patienten Compliance
- Mehrfachrezidiv mit Perfusionsproblem
- Florider Infekt/ Osteomyelitis
- Ursache der Deformität im TMT I- Gelenk
- Allergische Reaktion auf Metalle incl. Titan
Patientenaufklärung
- Rezidiv
- Gefühlsstörungen
- Hämatom
- Persistierende Beschwerde durch hypertrophe Narbe
- Wundheilungsstörung/Infektion
- Narbenkontraktur
- Perfusionsstörung des betroffenen Zehenstrahls
- CRPS
- Metatarsalgie durch fehlverheilten Knochen
- Eventuell erforderliche Zusatzeingriffe ( z.B. Metatarsalgie bei Überlänge des benachbarten Metatarsale, Ruptur plantare Platte, Fehlfunktion der Sehnen)
- Pseudarthrose - mangelhafte Knochenheilung
- Irritation durch einliegendes Implantat
- Im Einzelfall postoperative Teilbelastung an UAGS
Operationsvorbereitungen
Obligat:
- Röntgenaufnahmen des Fußes in 2 Ebenen,. stehend belastet
- Röntgen Fuß schräg als 3. Ebene unbelastet
- Aufklärungsprotokoll
- Klinischer Befund inkl.Kontrolle der Perfusion, Motorik und Sensibilität
- Ausschluss florider Infektionen
Fakultativ:
- Fußdruckmessung
- Fotodokumentation
Instrumentarium
- Vorfuß-set mit Knocheninstrumenten
- Mikro- säge und Bohrer
- Osteosynthesematerialien (Winkelstabile Platte, evt. Doppelgewindeschrauben)
Anästhesie und Lagerung
- Alle Narkosearten möglich (Fußblock, Spinalanästhesie, Larynxmaske und Vollnarkose) mit Ausnahme der distalen Oberst´schen Leitungsanästhesie
- Supramalleoläre- oder Oberschenkel- Blutleere
- Rückenlagerung mit Erhöhung des zu operierenden Beines und 45°Beugung im Kniegelenk mit Rolle unter dem Gelenk
- Keilkissen unter die ipsilaterale Gesäßhälfte zum Ausgleich der Außenrotation im Hüftgelenk
- Falls möglich Fersen frei lagern
Operationstechnik
Nach Anlage des medialen Hautschnittes, welcher von distal streng medial (auf Höhe MTP I) nach proximal medio-dorsal (bis auf Höhe TMT I) läuft, werden die subcutanen Gefässe und Nerven dargestellt und soweit möglich geschont. Der Schnitt wird jetzt proximal bis auf den Knochen geführt und distal bis zur MTP- Gelenkkapsel. Der dorsomedial verlaufende Hautnerv wird hierbei nach cranial mobilisiert und beiseite gehalten. Nun wird die Gelenkkapsel über einen Längsschnitt eröffnet (als Modifikation sind eine V-Y-förmige oder L-förmige Schnittführung beschrieben).
Hierbei ist zu beachten, dass die zuführenden Gefäße zum MT I- Köpfchen nicht verletzt werden, ebenso sollte die Kapsel am Grundglied nicht mehr als 0,5 cm nach cranial und caudal abpräpariert werden. In ca 35% der Fälle findet sich ein schalenförmiger medialer Meniscus, welcher exzidiert werden sollte 19.
Nun hat die Resektion der medialen Pseudoexostose zu erfolgen. Die Resektion ist von distal nach proximal durch zu führen. Bei der Resektion sollte unbedingt die Gleitrinne des medialen Sesambeines geschont werden. Nicht selten zeigen sich Zysten im MT I- Köpfchen, welche jetzt kürettiert werden sollten. Bei großen Zysten kann jetzt Spongiosa aus dem Resektat in die Zyste eingefüllt werden.
Das laterale Release der Sesambeinaufhängung kann jetzt entweder unter Sicht transartikulär mit einem Mini-Skalpell vorgenommen werden. Alternativ wird das laterale Release über einen zweiten Schnitt von dorso-lateral über dem MTP I durchgeführt.
Gegenüber der lange praktizierten Technik der Tenotomie des Adduktor hallucis wird mittlerweile der Adduktor hallucis nur bei rigiden Deformitäten oder bei extremen Narbenbildungen tenotomiert. Aus zahlreichen Untersuchungen hat sich gezeigt, dass das Risiko zur Entwicklung einer Hallux varus Deformität nach kompletter Tenotomie der Adduktor Sehne erhöht ist.
Am Ende des Release sollte eine mediale Überkorrektur im MTP I- Gelenk um ca 30-40° möglich sein. Hierbei sollte eine knöcherne Ausrißverletzung des lateralen Kollateralbandes vermieden werden.
Nun kann die proximale Osteotomieebene am MT I lokalisiert und unter Bildwandler kontrolliert werden. Die Metaphyse des MT I wird hierbei knochennah stumpf umfahren und die gewünschte Platte (Rechts/Links- Version beachten!) angelegt. Hierbei sind durch die Steghöhe die spätere Plantarisierung und Medialisierung in der Osteotomie festzulegen. Erfahrungsgemäß wird meist eine Platte mit Steghöhe von 2-4 mm verwendet.
Nach Setzen einer Rotationsmarkierung wird nun das MT I unter Benutzen von weichteilschützenden Haken osteotomiert. Hierbei ist unbedingt zu beachten, dass in Abhängigkeit des Osteotomieverlaufes entweder eine Verlängerung oder sogar Verkürzung des MT I erzielbar ist.
Jetzt wird die Platte distal und proximal unter Schonung der Schraubenlöcher um jeweils maximal 5° vorgebogen um nach Entfernung eines medialbasigen Keiles vom proximalen Osteotomierand die Osteotomie unter Kompression zu fixieren.
Mit K-Draht kann die Osteotomie jetzt unter beachten der Rotationsebene temporär transfixiert werden. Unter Bildwandlerkontrolle sollte die endgültige Position festgelegt werden. Nun kann die Platte auf den Knochen angelegt werden und zunächst die beiden proximalen Schraubenlöcher winkelstabil besetzt werden. Die Plattenlage sollte streng medial oder bei gewünschter Plantarisierung mediodorsal sein. Nach Besetzen der beiden proximalen Löcher ist der distale Knochenanteil des MT I mit einer Faßzange oder unter axialer Kompression in gewünschter Position zu halten. Hierdurch kann jetzt das zentrale ovaläre Loch exzentrisch mit einer Kompressionsschraube besetzt werden um die Osteotomie in der gewünschten Position unter Kompression zu fixieren.
Abschliessend werden nun die beiden distalen Löcher mit 2 winkelstabilen Schrauben besetzt.
Die Osteosynthese ist jetzt stabil. Nun sollte die Stellung der Gelenkfläche des MT I (PASA) sowohl klinisch als auch unter Durchleuchtung kontrolliert werden. Sofern die Gelenkflächenabweichung größer als 10% (Valgusabweichung) ist empfiehlt sich die Entnahme eines medialbasigen Keiles im Rahmen einer subcapitalen Chevron Osteotomie.
Durch diese Osteotomie kann jetzt nicht nur der PASA optimiert werden, es kann sogar eine zusätzliche Derotation oder weitere Korrektur der Hallux- Fehlstellung erzielt werden.
Zur Osteosynthese können Doppelgewinde- oder Minischrauben bzw Gewindekirschnerdrähte oder ähnliches verwendet werden.
Nach Abschluss der Osteosynthese empfiehlt es sich einen Blick auf den plantaren Aspekt des MT I- Köpfchens zu riskieren um eine Perforation des Osteosynthesematerials aus zu schliessen und falls erforderlich zu korrigieren.
Sofern der Erste Strahl jetzt noch einen Restvalgusposition auf Grund einer Fehlstellung des Grundgliedes an D1 aufweist besteht die Indikation zur Korrekturosteotomie nach Akin.
Nun sollte der Situs ausgiebig gespült werden. Vor dem endgültigen Kapselverschluss muss die freie Beweglichkeit getestet werden. Eventuell müssen noch vorhandene Verklebungen oder Weichteilzügel plantar gelöst werden. Erst danach sollte der Kapselverschluss erfolgen. Hierfür ist regelhaft eine Exzision der überschüssigen Kapsel erforderlich. Die Kapsel kann nun mit kräftigen Nähten adaptiert werden, hierbei sollte der korrigierte erste Strahl durch die Assistenz in Korrekturposition gehalten werden. Nach Kapselverschluss sollte die Beweglichkeit des MTP I-Gelenkes weiterhin frei sein.
Vor dem Verschluss der Haut empfehlen wir das Öffnen der Blutleere um durch sorgfältige Blutstillung eine Hämatomentwicklung zu verhindern.
Hierdurch wird der Heilungsverlauf beschleunigt.
Nach Abschluß der Hautnaht verwenden wir einen redressierenden Kompressionsverband welcher in regelmässigen Abständen bis zur Entfernung der Fäden gewechselt werden sollte.
Eine Gipsschiene ist nicht erforderlich.
OP-Video: Proximale Verschiebeosteotomie MT I mit winkelstabiler Platte (TOM- Platte)
Besonderheiten
Bei Entnahme eines lateralen Keiles in der Osteotomie empfiehlt sich das Vorbiegen der Platte um einen Korrekturverlust zu vermeiden. Je nach Größe des Keiles muß das Ausmaß des Vorbiegens gewählt werden!
Beachten der Links/ Rechts Version der Platte.
Je weiter die Platte nach medial angelegt wird desto belastungsstabiler ist die Osteosynthese, Bei gewünschter Plantarisierung empfiehlt sich eine dorsomediale Plattenlage.
Auf Grund des hohen Korrekturpotentials sind Überkorrekturen des MT I möglich; diese können in Kombination mit einem überschießenden Weichteil- Release eine Varus Position der Großzehe bewirken!
Postoperative Behandlung
- Durchblutungskontrolle der Zehe
- Erster Verbandswechsel am Tag nach der Operation, bei normaler Wundheilung danach alle 2-3 Tage
- Sofortiger Beginn mit der Lymphdrainage und Gangschulung
- Mobilisation in einem Entlastungsschuh mit steifer durchgängiger Sohle und Abrollhilfe für 6 Wochen (davon 14 Tage an UAGS mit halben Körpergewicht bei mangelhafter Compliance)
- Zehenmobilisation unmittelbar ab 1. postop Tag 20
- Arbeitsunfähigkeit für stehende und gehende Berufe ca. 6-8 Wochen, für sitzende Tätigkeiten sehr variabel
- Sportunfähigkeit besteht in der Regel für 8- 10 Wochen nach OP
Fehler, Gefahren, Komplikationen (intraoperativ)
- Überschiessendes Weichteil Release
- Blutstillung nicht ausgiebig genug
- Verletzung des Digitalnervenastes
- Fehlrotation in der Osteotomie
- Mangelhafte Kompression in der Osteotomie erhöht das Risiko für Pseudarthrosen
- Knöcherne Überkorrektur
- Platte nicht anmodelliert
Ergebnisse
Die proximalen Osteotomien zeigen ein hohes Korrekturpotential und sind daher prädestiniert zur Korrektur moderater oder starker Hallux valgus Deformitäten.
Das hier vorgestellte Verfahren ist durch die simple Querosteotomie im Meta-diaphysären Übergang sehr einfach durchzuführen. Werden jedoch die Grundprinzipien der Osteosynthese nicht beachtet (Rotationsmarkierungen, Kompression, Anmodellieren der Platte) ist die Komplikationsmöglichkeit nicht unerheblich.
Insbesondere Überkorrekturen sind (wie bei allen proximalen Osteotomien) möglich und können sogar eine operative Revision erforderlich machen.
Durch die winkelstabile Osteosynthese und die Stufenform der Platte kann eine maximale Lateralisation und Plantarisation unter früher Belastbarkeit erzielt werden.
Das OP- Verfahren ist auf Grund der multiplanaren Korrekturmöglichkeit den meisten anderen proximalen Verfahren überlegen. Die OP- Technik und Osteosynthese unterliegen jedoch einer Lernkurve.
Weitere Literatur
- Myerson MS (2000) Hallux valgus, „Foot and Ankle Disorders“, Vol 2,Saunders, Philadelphia,213- 288
- Thomas M (2009) Die proximale Verschiebeosteotomie mit winkelstabiler Plattenosteosynthese zur Korrektur der fortgeschrittenen Hallux valgus Deformität. FussSprungg 7: 14- 21